Normannische Ritter wurden erstmals 1017 südlich des Flusses Garigliano gemeldet; sie waren zunächst nichts weiter als kleine Trupps von Kriegern, deren Geschlecht zu Hause in der Normandie keinen besonders hohen Rang einnahm und die bereit waren, für jeden in den Krieg zu ziehen, der ihnen einen Anteil von der Beute versprach. Es sollte jedoch nicht lange dauern, bis sich für sie die Aussicht auf dauerhaftere Belohnungen auftat. 1030 erwarben sie mit der Grafschaft Aversa ( zwischen Neapel und Capua ), die der normannische Ritter Rainulf vom Fürsten von Salerno als Lehen annahm, erstmals ein festes Herrschaftsgebiet: das war der erste Schritt zur festen Ansiedlung der Normannen in Unteritalien.
Ein charakteristisches Beispiel dafür, wie militärisches Draufgängertum und diplomatische Gerissenheit sich auszahlen konnten, liefern die Brüder von Hauteville seinerzeit hochberühmte Abenteurergestalten. Die Hautevilles waren unter den dreihundert normannischen Kriegern, die das gewaltige byzantinische Expeditionskorps verstärkten, das 1038 vergeblich versuchte, den Sarazenen Sizilien zu entreißen. Als sich zeigte, dass die Reichtümer der arabischen Emirate auf die Schnelle nicht zu haben waren, traten viele Normannen in die Dienste des Kaisers zu Konstantinopel, wohingegen andere, unter ihnen die Hautevilles, sich gegen ihre vormaligen Brotherren wandten und ihnen 1040 eine Reihe von empfindlichen Schlappen beibrachten. Auf dieser Entwicklungsetappe wurde freilich noch ein gewisser Anschein von Loyalität gegenüber den lokalen Machthabern gewahrt. Wilhelm von Hauteville, der 1042 zum Grafen erhoben wurde, erkannte den Langobardenfürsten Gaimar von Salerno als seinen Oberherrn an, und sein Halbbruder Robert Guiscard ging eine vorteilhafte Ehe mit der Langobardenprinzessin Sichelgaita ein. Indes bald sollte sich das typisch normannische Geschick bekunden, aus den rivalisierenden Machtansprüchen anderer Profit für sich selbst zu schlagen. Auf einer im Beisein Kaiser Heinrichs III. 1047 in Capua abgehaltenen Zusammenkunft wurden die normannischen Ansprüche auf Rechte und Besitzungen in Unteritalien bestätigt. der Kaiser befreite das neue normannische Staatsgebilde aus der Lehnsabhängigkeit von Salerno und nahm es unmittelbar unter die Hoheit des Reiches. Dieser Schritt, der unverkennbar bezweckte, die kaiserliche Verfügungsgewalt auf italienischem Boden zu unterstreichen, bedeutete in Wahrheit die Anerkennung der normannischen Territorialexpansion, ungeachtet der Rechte jener, deren Ländereien von den Usurpatoren besetzt worden waren. Alarmiert durch die Aussicht, das rapprochement zwischen der gefährlichen neuen Macht und dem Reich könne sonst noch weitergehen, sah auch das Papsttum keine andere Wahl als zuzustimmen. Papst Leo IX. (10491054) hatte sich zuvor in der Hoffnung gewiegt, er könne die verworrene politische Situation dazu nutzen, alte Ansprüche des Heiligen Stuhls auf Benevent durchzusetzen. Doch seiner Streitmacht wurde 1053 in der Schlacht von Civitate von den Normannen eine schmähliche Niederlage bereitet, und sechs Jahre danach empfing auf der Reformsynode von Meifi (1059) Richard von Aversa ( der Neffe Rainulfs) Capua und Robert Guiscard Apulien, Kalabrien und das vorläufig noch sarazenische, mithin von christlichen Streitkräften erst noch zu erobernde Sizilien aus der Hand von Papst Nikolaus II. als Lehen. Tatsächlich sollte es noch dreißig Jahre dauern, bis Roberts Bruder Roger ( der "große Graf" ) nach Messina (1061), Palermo (1072) und dem Emirat Taormina (1079) mit Syrakus (1088) auch die letzte bedeutende Bastion der Araber auf Sizilien zu Fall gebracht hatte.
Zwei Ereignisse besiegelten endgültig die Machtstellung der Normannen in Unteritalien und signalisierten das Zustandekommen neuer Allianzen, die Auswirkungen auf den gesamten Mittelmeerraum haben sollten. Im Jahr 1080 leistete Robert Guiscard den Lehnseid für seine Besitzungen nicht Kaiser Heinrich IV., der ihm die kaiserliche Belohnung als Gegenleistung für Unterstützung gegen das Papsttum zugesagt hatte, sondern Papst Gregor VII. selber. Im Jahr 1130 wurde Roger II. zum König von Sizilien, Kalabrien und Apulien gekrönt. Auf politischer Ebene hatte die Anerkennung durch den Papst keine große Bedeutung; die Normannen handelten weiterhin, wie es ihnen eigennützige Interessen geboten, und 1085 fand Gregor VII. sich praktisch als Gefangener in normannischer Hand wieder, nachdem ein Hilferuf an die Normannen gegen die kaiserlichen Okkupationstruppen in Rom dazu geführt hatte, da Robert Guiscard zwar mit einem großen Heer den Kaiser und seine Soldaten vertrieb, die Befreier gleichzeitig aber auch die ewige Stadt einer fürchterlichen Plünderung unterzogen. Auf ideologischer Ebene dagegen bedeutete die Belohnung mit Unteritalien und Sizilien durch den Papst für die normannischen Führer einen wichtigen Schritt in Richtung auf das angestrebte Ziel, die Anerkennung auf der weltpolitischen Bühne zu erringen. Die Gründung eines Königreichs war die letzte Etappe ihres steilen Weges aus der gesellschaftlichen Obskurität in die Höhen verbürgten Aristokratentums. Der unaufhaltsame Aufstieg der Normannen zur Macht über Unteritalien lässt sich nicht allein aus ihrer militärischen Tüchtigkeit ihrer berittenen Krieger erklären, auch wenn diese zweifellos beträchtlich war. Erst nachdem sie Sizilien, die kostbarste ihrer Trophäen, erobert hatten, konnten sich die Normannen erlauben, ihre Zukunft als gesichert zu betrachten, und es war der Umstand, da sie diesen Triumph über die Ungläubigen mit Unterstützung der Kirche errungen, der den Normannen die Respektabilität verschaffte, nach der sie so gierten.
Die Feldzüge, die Robert Guiscard und sein Sohn Bohemund von Tarent in den 108oer Jahren gegen byzantinisches Gebiet auf dem Balkan unternahmen, wiesen die Normannen in den Augen vieler als Streiter für den wahren Glauben aus, die gegen die schismatischen Griechen den Kampf für die gute Sache kämpften. Es mochte Augenblicke geben, in denen die besonderen Beziehungen zwischen den italienischen Normannen und dem Papsttum nicht ohne Spannungen waren, indes das normannische Engagement sowohl für die Kirchenreform als auch für die Ausbreitung des Glaubens machte sie zum naturgegebenen Reservoir für die Rekrutierung von Kreuzrittern, nachdem 1095 erstmals zum Kreuzzug aufgerufen worden war. Für Männer wie Bohemund, deren Chancen, in Italien zu einem Erbe zu kommen, nicht unbedingt zum Besten standen, erwies sich die Aussicht auf Territorialgewinne im Osten, gepaart mit der Gelegenheit, sich wieder einmal für das Christentum zu schlagen, als unwiderstehlich. ( Quelle: u.a. Europa im Mittelalter, v. George Holmes)
Stefan Discher (Montag, 21 Oktober 2013 13:58)
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